Archiv des Autors: markusandorf

Barmherzigkeit in Österreich angekommen

In den Diözesen Österreichs werden in diesen Tagen die Heiligen Pforten von über 50 Jubiläumskirchen geöffnet. Papst Franziskus steckt auch die Österreicher mit dem Barmherzigkeitsfieber an. Radio Vatikan hat mit dem Sprecher der österreichischen Bischofskonferenz, Paul Wuthe, und der ehrenamtlichen Vorsitzenden der Katholischen Jugend Österreich, Sophie Matkovits, über die Highlights im österreichischen Heiligen Jahr der Barmherzigkeit gesprochen. Beide sind sich einig, dass Franziskus für das „österreichische“ Heilige Jahr eine essentielle Rolle spielt. Wuthe: „Papst Franziskus ist in der Öffentlichkeit so etwas wie ein Prophet der Barmherzigkeit.“ Matkovits: „Er kann es vorleben. Er ist einer der wichtigsten Zeugen. Er ist der, der vorangeht und uns zeigen kann, wie man barmherzig sein kann.“

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Das Gleichnis vom barmherzigen Samariter: Wir sind gerufen, Handelnde zu sein und Not zu lindern. Papst Franziskus: Gott ist nicht gleichgültig!

Im Herzen Europas: Barmherzigkeit für die Flüchtlinge

Barmherzigkeit ist im Herzen Europas durch die großen Flüchtlingsströme ein großes Thema. Die Kirche in Österreich setzt viele Aktionen, um für die Menschen da zu sein, die ins Land kommen: „In Österreich haben in den letzten Wochen und Monaten sehr viele Flüchtlinge eine Aufnahme gefunden oder zumindest auf der Durchreise ein Bett und eine Mahlzeit und ein Dach über dem Kopf“, so Wuthe. „Hier wird klar, dass Barmherzigkeit nicht etwas süß Frommes ist, sondern konkret gelebte Nächstenliebe. Christen diskutieren nicht über Obergrenzen bei der Aufnahme von Flüchtlingen, sondern Christen sollen versuchen, Menschen in Not zu helfen. Diese Botschaft der Barmherzigkeit, des Heiligen Jahrs der Barmherzigkeit, ist in Österreich angekommen und ist daher eine hoch politische.“

Österreich ist bereits aktiv geworden: Die Tatsache, dass Tausende Menschen auf der Flucht nach Österreich strömen, lässt vor allem die jungen Österreicher/-innen nicht kalt, betont Matkovits: „Ich glaube, dass Barmherzigkeit uns Jugendliche im Heute viel mehr ansprechen muss und eine offenere Haltung immer mehr und öfter denn je gefragt ist. Wir sind im Moment in einer Flüchtlingskrise, wir haben eine Ausnahmesituation, was die Flüchtlinge angeht. Es ist ein ständiger Wandel der Gesellschaft mit extrem vielen globalen Einflüssen, und da ist es wichtig, dass wir in dieser vielfältigen Gesellschaft die offene Haltung stets bewahren.“

Katholische Jugend: Nächstenliebe relaoded und 72 Stunden soziale Action

Der Begriff Barmherzigkeit wirke auf den ersten Blick veraltet, merkt
Matkovits an. Für sie persönlich sei Barmherzigkeit jedoch eine sehr positive und offene „Einstellung“. Deshalb werde auch die Katholische Jugend Österreich das Thema in diesem Heiligen Jahr der Barmherzigkeit angehen: „Die Katholische Jugend hat sich heuer den Arbeitstitel ‚Habt‘s euch gern ausgesucht. Wir wollen uns dem Thema Solidarität und Nächstenliebe verstärkt widmen und beginnen das Jahr mit einer jugendpastoralen Woche mit dem Titel „Nächstenliebe reloaded“, wo wir uns die Fragen stellen: Wie ist es jetzt, wenn Flüchtlinge in unserer Pfarre sind? Wie gehen wir mit anderen Glaubensrichtungen in der Praxis um? Dann gibt es auch interreligiöse Schulworkshops, die wir anbieten und wir haben 72 Stunden-Jahr 2016, die größte Sozialaktion Österreichs wird wieder starten.“

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Junge Menschen bringen sich aktiv im Jahr der Barmherzigkeit ein.

Der Erfolg dieser karitativen Aktion verbirgt sich in den fixen Rahmenbedingungen:  Jugendliche Freiwillige haben 72 Stunden Zeit, um in Gruppen gemeinnützige Aufgaben zu lösen.  Abgesehen von dieser nationalen Großinitiativ in Österreich gibt es im Heiligen Jahr der Barmherzigkeit besondere liturgische Feiern, Wallfahrten, Konzerte, Jugendtreffen, Sporttage oder Fastenmeditationen. Die Diözese Klagenfurt hat die Veranstaltungen dieses Jahres sogar in einem Buch zusammengefasst. Paul Wuthe hat auf ein spezielles Highlight im Heiligen Jahr hingewiesen: „Besonders kreativ ist die Idee mehrerer Diözese, nicht nur Pforten an bekannten, großen Wallfahrtskirchen zu eröffnen, sondern auch eigene, mobile heilige Pforten anzubieten, die dann durch die Diözese wandern; durchaus auch sehr künstlerisch gestaltet, so etwas hat die Diözese Linz, Feldkirch, St. Pölten und die Erzdiözese Wien vor.“

(veröffentlicht auf Radio Vatikan am 10.12.2015, Markus Andorf)

Rom – Bangui: Nur eine Gänsehaut entfernt

Papst Franziskus hat seinen Willen durchgesetzt: Er besucht trotz der prekären Sicherheitslage die Zentralafrikanische Republik. Ein persönlicher Eindruck weit entfernt vom Papst – aus dem Vatikan.

Es war schon beeindruckend heute durch den Vatikanstaat zu schlendern – vorbei an der Post, der Druckerei, der Bank, der Garage des Papstes in den Apostolischen Palast. An wichtigen Stellen stehen Schweizergardisten, grüßen freundlich und salutieren.

Vorbei am berühmten Tor zur Sixtinischen Kapelle, durch das die Kardinäle beim Beginn des Konklave gehen und das dann hinter ihnen geschlossen wird. Und plötzlich gehe ich über die Stiegen, über die vor mir viele andere gegangen sind: Jorge Mario Bergoglio, Joseph Ratzinger, Karl Wojtyla, Albino Luciani … es ist der Weg, den die frischgewählten Päpste gehen, um einen ersten Gruß an die Römer zu richten. Zur Loggia des Petersdoms.

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Durch diese Glastür treten die neu gewählten Bischöfe von Rom auf den Balkon hoch über dem Petersplatz.

Schauplatzwechsel. Zentralafrika. Bangui. 500.000 Menschen aus der Zentralafrikanischen Republik sind auf der Flucht, haben ihr Hab und Gut zurückgelassen, kämpfen um ihr Leben. Sie sind verzweifelt und sehen keine Perspektive. Eine Welt, mit der ich als Österreicher kürzlich auch konfrontiert wurde. Nicht in Afrika, sondern mitten am Wiener Hauptbahnhof. In diese Welt des Schreckens taucht der Papst ein und lässt sich trotz großer Sicherheitsbedenken nicht davon abbringen, das Land im Herzen Afrikas zu besuchen.

Die Zentralafrikanische Republik ist seit Jahrzehnten politisch instabil. 2013 kam das muslimisch dominierte Rebellenbündnis Séléka an die Macht. Zentralafrika stürzte ins Chaos. Mehr als tausend Menschen starben bei Kämpfen zwischen Muslim-Rebellen und Christen-Milizen.

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Menschen fliehen vor Krieg und Tod. In Zentralafrika herrscht eine humanitäre Notlage.

Franziskus lässt es sich auch nicht nehmen, Menschen in einem Flüchtlingslager zu begegnen. Die Stimmung schlägt um. Keine Spur mehr von Verzweiflung, Trauer oder Überlebenskampf. Der Papst bringt Hoffnung.

Vatikan. Da stehe ich jetzt vor dem Balkon, auf dem vor 991 Tagen Papst Franziskus der Welt einen guten Abend wünschte und die Menschen aufforderte, für ihn zu beten. Ich stehe in der sogenannten Aula delle Benedizioni, wo vor allem Papst Benedikt XVI. immer wieder Gäste zu Audienzen empfangen hat.

Im nächsten Raum finde ich dann die Übertragungskabinen von Radio Vatikan. Ich darf mit Mario Galgano, einem erfahrenen und langjährigen Redakteur, den Besuch des Papstes in einem Flüchtlingslager live kommentieren. Aufregend. Wir treffen die letzten technischen Vorbereitungen, sprechen den Ablauf der Sendung durch. Dann die Meldung: Die Ankunft des Papstes wird sich verzögern, wir beginnen aber trotzdem die Übertragung. Jetzt geht es darum, die Zuschauerinnen und Zuschauer über die Hintergründe der Papstreise, das Land und die katholische Kirche in Zentralafrika zu informieren.

Und dann brandet plötzlich Jubel auf. Es ist soweit. Papst Franziskus ist da. Die tausenden Menschen im Flüchtlingslager der Pfarre Saint Sauveur in Bangui jubeln ihm zu. Wir kommentieren die Begegnungen des Papstes mit Frauen, Männern und Kindern. Doch eigentlich braucht es keine Worte. Franziskus ist angreifbar. Er weiß, worauf es in so einer Situation ankommt. Nach der offiziellen Begrüßung nimmt der Papst das Mikrophon in die Hand und beginnt auf Italienisch zu den Menschen zu sprechen: „Ich wünsche euch und allen Zentralafrikanern den Frieden, welcher Ethnie, Kultur, Religion ihr auch angehört!“ Immer wieder brandet Jubel auf. Dann passiert etwas Unglaubliches. Papst Franziskus ruft in die Menge: „Wir sind alle Geschwister.“ Er fordert die Menschen auf, diese Worte dreimal gemeinsam zu sagen. Tausende stimmen ein und skandieren: „Wir sind alle Geschwister.“

In diesem Moment läuft mir eine Gänsehaut über den Rücken. Ich sehe die Geschehnisse nur auf einem kleinen Bildschirm – dieser Papst schafft es, auch über mehrere tausend Kilometer Distanz zu beeindrucken. Der Tag wird den Menschen in Bangui wohl ihr Leben lang in Erinnerung bleiben. Mir auch.

Hier die Live-Übertragung aus dem Flüchtlingslager zum Nachschauen!

 

50 Jahre: Der Katakombenpakt für eine Kirche der Armen

Schauplatz Rom, Domitilla-Katakomben, 16. November 1965: 40 Bischöfe treffen sich in der größten Katakombe Roms, um den Katakombenpakt zu unterzeichnen. Jeder einzelne Bischof verspricht, sein Leben grundsätzlich zu ändern: ein Leben ohne Machtinsignien, eine Kirche der Armen. Der Anstoß zu dem Pakt kam wohl von Papst Johannes XXIII., der in einer Rundfunkansprache vom 11. September 1962 von einer „Kirche der Armen“ sprach. „Ein anderer erleuchtender Punkt: Im Angesicht der Entwicklungsländer präsentiert sich die Kirche so, wie sie ist und wie sie sein will, als Kirche aller, und besonders als Kirche der Armen.“

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Eine Kirche der Armen – Realität oder Hoffnung? 

Auch wenn nach dem Konzil noch weitere 500 Bischöfe den Pakt unterzeichneten, ist er danach lange Zeit in Vergessenheit geraten. Der Theologe Norbert Arntz vom Institut für Theologie und Politik aus Münster hat sich intensiv mit der Aufarbeitung des Katakombenpakts beschäftigt. Über die Vorgeschichte und die Entstehung der Gruppe „Kirche der Armen“ sprach er mit Radio Vatikan: „Das war eine Gruppe, die sich gebildet hatte aus Konzilsvätern, die merkten, dass die Frage der Kluft zwischen Armut und Reichtum – Armut heißt nicht etwas weniger besitzen als andere, sondern Armut heißt vor der Zeit sterben müssen –, dass diese Kluft die brennende, zentrale Frage für die Kirche sein müsse und dass die Kirche sich vor allem an den Armen zu orientieren habe.“Die Resonanz im Konzil für den Aufbruch der Gruppe „Kirche der Armen“ sei nicht besonders groß gewesen, so Arntz. So wollten die Bischöfe mit dem Katakombenpakt in ihrem eigenen Leben mit der Reform beginnen: „Wir beschließen, dass wir uns an 13 Selbstverpflichtungen orientieren wollen, die einem einfachen Lebensstil geschuldet sind, und haben das unter die Überschrift gesetzt: Für eine dienende und arme Kirche. Das heißt, sie haben gleichzeitig Position bezogen gegen eine herrschaftliche und reiche Kirche.“

Ein entschiedener Gegner einer solchen Kirche voller Prunk ist auch Bischof Erwin Kräutler. Der gebürtige Österreicher wirkt seit 1980 als Bischof in der flächenmäßig größten Diözese Brasiliens, Xingu. Er hätte den Katakombenpakt sofort unterschrieben. Und er sieht ihn auch für heute noch als richtungsweisend an. Kirchliche Würdenträger müssen anders werden, so Kräutler im Gespräch mit Radio Vatikan: „Ich meine, wir müssen viele Dinge einfach ablegen. Wenn ich Bruder sein will, dann kann ich ja nicht anders daherkommen als meine Geschwister. Dann bin ich irgendwie wieder ein Außenstehender. Und das meine ich, will der Katakombenpakt eben nicht und Jesus wollte das nicht. Jesus ist aller Bruder gewesen und ist zu den Menschen gegangen.“

Für Kräutler hat der Katakombenpakt schon seine Wirkung gehabt. Viele Bischöfe hätten ihn ernst genommen. Papst Franziskus greift jetzt in seinem Pontifikat Themen auf, die den Unterzeichnern des Katakombenpakts wichtig waren: „Die wollten damals eine andere Kirche. Papst Franziskus spricht von der Kirche der Armen, eine Kirche die arm sein soll, das kann man gar nicht trennen. Die Kirche ist Anwältin der Armen. Wir sprechen immer von der Option für die Armen. Nein, die Kirche soll eine arme sein. Wie es auch im Dokument von Aparecida von 2007 steht: Die Kirche soll die Heimat der Armen sein, da sollen sie sich wohlfühlen.“

Es gehört wohl zur Idee der Unterzeichner des Pakts, dass sie ihr Versprechen gerade in den Katakomben abgelegt haben. Das ist auch dem Direktor der Domitilla-Katakomben und Steyler Missionar Uwe Heisterhoff klar: „Die Katakomben als solche sind ein Ort der beginnenden Christenheit in Rom, die eigentlich vom Ursprung her Zeugnis geben von einer armen und verfolgten Kirche, einer Märtyrerkirche und so auch die Ursprünge des Christentums reflektieren, eine machtlose Kirche reflektieren, zumindest bis zur Zeit von Kaiser Konstantin.“

Die unterirdische Basilika wird von zwei Säulenreihen in drei Schiffe unterteilt. In einer kleinen Apsis vorne steht ein Altar. Hier werden heute noch für Pilger Gottesdienste gefeiert. An diesem Altar wurde am 16. November 1965 der Katakombenpakt unterzeichnet. Aber warum gerade in den Domitilla-Katakomben? „Weil sie so alt ist“, erklärt Pater Heisterhoff. „Sie ensteht ja um das Jahr 120 herum auf einem Privatgrundstück der Römerin Flavia Domitilla. Das ist sehr früh. Das ist noch die Eigeninitiave einer christlichen Gemeinde, die hier eine Katakombe beginnt, wegen ihrem Glauben an die Auferstehung.“

Der Katakombenpakt ist lange Zeit in Vergessenheit geraten. Der heute 91-jährige Bischof Luigi Bettazzi nahm am zweiten Vatikanischen Konzil teil und war auch einer der 40 Bischöfe, die den Pakt unterzeichnet haben: „Wir waren sehr engagiert, viele Unterschriften zu sammeln, damit die Inspiration der Bischöfe auch den Papst erreicht“, erklärt er uns. „Wir haben uns gefühlt, als würden wir im Endeffekt alle Bischöfe vertreten.“ Die Inhalte des Katakombenpakts sollten aus Sicht Bettazzis nicht nur Bischöfe beherzigen: „Ich denke, dass der Pakt auch heute sehr wichtig ist, in dieser Welt, wo die Reichen immer reicher werden und die Armen immer ärmer. Die Kirchen, alle Kirchen, müssen die Stimme der Armen sein, und das soll nicht nur ein Engagement des Papstes sein. Jeder Bischof, jeder Priester, jeder Christ hat die Aufgabe, diese Ideen voranzutreiben.“

Am Montag feiern Bischof Bettazzi und der lateinamerikanische Jesuit Jon Sobrino in den Domitilla-Katakomben einen Gottesdienst zu 50 Jahre Katakombenpakt. Eine Jubiläumswoche mit Workshops und Vorträgen endet am Dienstag, hier wird auch Bischof Kräutler zu Wort kommen. Gegenüber Radio Vatikan fordert Kräutler eine Rückbesinnung auf den Katakombenpakt: „Dass wir zurückgehen zu den Wurzeln des Evangeliums, dass wir in Einfachheit, Schlichtheit unseren Dienst tun und leben. Und da meine ich, dass 50 Jahre eine kurze Zeit sind. Aber man hat ihn vergessen oder teilweise vergessen. Darum mein ich, vielleicht ist es heute der Augenblick, der kairos, dass wir zurückgehen auf das, was die Bischöfe damals gesagt haben, im Zusammenhang mit dem Konzil, am 16. November 1965.“

(veröffentlicht am 13.11.2015 bei Radio Vatikan – hier zu den O-Tönen)

 

„Sprecht mit dem Herrn und geht weiter!“

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Der Papst überrascht. Immer wieder. Das hat er auch bei seinem ersten Besuch der evangelisch-lutherischen Gemeinde in Rom getan.

Der Pfarrer der Gemeinde Jens-Martin Kruse spricht von einem „schönen und verbindenden Zeichen“, das gesetzt wurde. Als Gastgeschenk brachte der Papst eine Patene und einen Kelch, der ja von der katholischen Kirche in der Eucharistiefeier und von der evangelischen Kirche in der Abendmahlsfeier verwendet wird. Das hat einige Theologen mit Sicherheit in Wallung gebracht. Eine solche Geste ist wohl ein definitiver Hinweis auf die noch fehlende Mahlgemeinschaft der beiden christlichen Kirchen.

Gemischt-konfessionelle Paare und der Kommuniongang. Eine schwierige Frage. Der Papst meint dazu, dass er einen gemeinsamen Kommuniongang nicht einfach erlauben könne, gleichzeitig appelliere er aber an das Gewissen und das gemeinsame Gebet des Paares: „Sprecht mit dem Herrn und geht weiter!“

Das sind Worte und Zeichen des Aufeinanderzugehens. Hinweise des Papstes, wie Ökumene gelebt werden kann. Die Worte des Papstes sind für Paare, die seit Jahren im Glauben leben und diesen Konflikt in ihrem Leben spüren, vermutlich wie Balsam für die Seele. Trotzdem komme ich nicht umhin, mich zu fragen, ob die Aussage von Franziskus nicht viele Christen falsch verstehen. Wir leben in einer Welt des ständigen „Alles-haben-wollen“, eines schwierigen Verhältnisses von Christen zum Sakrament der Versöhnung und des Nicht-Hinterfragens von christlichen Werten.

Es gibt wenige, die erstens ihr Gewissen bilden, zweitens die Größe haben, Fehler einzugestehen und an sich zu arbeiten, drittens die wirklich und bedingungslos mit dem Herren sprechen, um die Worte des Papstes zu verwenden. Symptomatisch dafür ist die Schlagzeile der FAZ am Sonntag zum Besuch des Papstes in der evangelischen Gemeinde: „Papst ermuntert Christen zur gemeinsamen Kommunion“. Das stimmt so einfach nicht. Interessant ist aber, dass genau dieser Satz bei den Menschen ankommen wird – auch bei denen, die die FAZ nicht gelesen haben. Die Gewissensprüfung und das gemeinsame Gebet werden da schnell unter den Tisch fallen.

Die Begegnung war historisch, mit bewegenden Zeichen der Annäherung. Es gibt vieles, das verbindet, wie die Taufe. Es gibt vieles, das trennt, wie die Auffassung des Gedächtnisses des letzten Abendmahls. Nicht förderlich für ein sich Näherkommen der Kirche sind relativistische Tendenzen, die sich über Trennendes hinwegsetzen und damit weder der katholischen noch der evangelischen Tradition gerecht werden. Was für die Zukunft wichtig ist: Friedlich miteinander leben, im Gebet bleiben und offen für das Wirken des Heiligen Geistes sein.

Für alle Interessierten hier der Link zur Übertragung des Besuchs des Papstes in der evangelisch-lutherischen Gemeinde. 

Fassungslosigkeit – Ein ganzer Kontinent hält den Atem an

An diesem Samstag Vormittag scheint in Rom alles seinen normalen Gang zu nehmen. Römer wuseln durch die Straßen. In der Lieblingsbar wird ein schneller Cappuccino getrunken. Hunde bekommen im Park um die Engelsburg ihren morgendlichen Spaziergang. Idylle in der Großstadt.

In einer anderen Großstadt Europas ist von dieser Idylle wenig zu spüren. Paris – die Stadt der Liebe. Unschuldige Menschen sind in einem Akt puren Hasses in der Nacht gestorben. Väter, Mütter, Touristen, Pariserinnen und Pariser. Menschen. Zumindest 128 Menschen. Tot.

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Leere. Verzweiflung. Bedrückung. So fühlt sich Europa im Moment.

Die großen Köpfe Europas sind ohnmächtig. Der französische Staatspräsident Francois Hollande ruft den Ausnahmezustand in Frankreich aus. Das Land sei in der Nacht von „beispiellosem Terror“ erfasst worden. Die deutsche Bundeskanzler Angela Merkel bezeichnet die Anschläge als einen „Albtraum von Gewalt, Angst und Terror“. Die österreichische Regierungsspitze reagiert entsetzt und erhöht die Sicherheitsmaßnahmen im Land. Papst Franziskus äußert sich bestürzt: „Ich bin bewegt und betrübt und verstehe das nicht.“ Er sieht darin ein Stück von dem „Dritten Weltkrieg“, von dem er immer wieder spreche.

Was ist jetzt zu tun? Am Tag nach der Katastrophe weiß das keiner so recht. In einem Punkt sind sich dennoch alle einig – ob europäische Politiker, kirchliche Vertreter, der Dachverband jüdischer Gemeinden und Organisationen in Frankreich oder der Groß-Imam der al-Azhar-Moschee in Kairo: Dem Terrorismus muss noch entschiedener der Kampf angesagt werden.

Wie das konkret passieren kann und soll, ist unklar. Auf diplomatischem Weg Lösungen herbeizuführen, ist fehlgeschlagen. Der Terror in vielen Teilen der Welt nimmt zu. Menschen sterben.
Ich kann die Welt nicht verändern. Ich kann nur mich selbst fragen, wie ich in meinem Leben mit Konflikten umgehe, wie ich auf meinen Mitmenschen zugehe, wie ich in meiner kleinen Welt Frieden lebe. Das ist keine Lösung, nicht einmal ein Lösungsansatz, aber ein erster kleiner Schritt zu mehr Frieden in dieser Welt.

Rom am Samstag Nachmittag: Wolken ziehen über die Engelsburg und den Petersdom. Römer wuseln noch immer durch die Straßen. Wenn für viele Römer auch der normale Alltag weitergeht: Die Anschläge von Paris werden Europa und die Welt verändern. Sie haben es schon getan.

Leben light

Coca Cola light, Joghurt light mit nur 0,1 Prozent Fett, Chips light – unser Leben soll immer „leichter“ werden. Ungesundes wird nicht einfach aus dem täglichen Ernährungsplan gestrichen, sondern durch „light“-Produkte ersetzt.

Das Ziel: Auf möglichst wenige Dinge verzichten, sich vordergründig gesund ernähren und das Gewissen beruhigen.

Viele light-Produkte tragen weder zu einem guten und gesunden Lebensstil noch zu einem übermäßigen Gewichtsverlust bei. Dies belegen die verschiedensten Studien, die verwendete Süßstoffe und andere Ingredienzien analysierten (z.B. des „Weizmann Institute of Science“).

Menschen halten ihr Leben nicht nur in ihrer Ernährung „light“. Schon vor 16 Jahren wurde in Frankreich eine Art „Ehe light“ eingeführt, der sogenannte „Pacte civil de solidarité“. Dieser Vertrag regelt das Zusammenleben homosexueller wie heterosexueller Menschen, die ihre Beziehung auf eine zivilrechtliche Basis stellen, aber nicht aufs Ganze gehen wollen. Der „Pacte civil de solidarité“ kann im Gegensatz zur „herkömmlichen“ Ehe leicht gekündigt werden.

Immer mehr Stimmen auch in anderen Ländern Europas, wie der Schweiz, Deutschland und vielleicht sogar Österreich, denken laut über die Einführung einer „Ehe light“ nach, wie letzte Woche in der „FAZ“ zu lesen war.

Das Ziel: Auf möglichst wenige Dinge verzichten, sich vordergründig binden und das Gewissen beruhigen, indem man sich der Verantwortung nicht entzieht. Die „Ehe light“ reiht sich somit in die Liste von „light“-Produkten des Lebens der Postmoderne ein.

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Nach dem Verständnis der katholischen Soziallehre taugt die Zusammenführung der Worte „Ehe“ und „light“ nicht. Das fünfte Kapitel des Kompendiums der Soziallehre der Kirche beschäftigt sich mit dem Wert von Ehe und Familie: Ein Wert, den es im katholischen Glauben nicht „light“ gibt, sondern nur „rückhaltlos“, „ausschließlich“ und „unwiderruflich“.

Wie die Kirche mit dem Scheitern einer Ehe umgeht, muss an anderer Stelle diskutiert werden. Eine „Ehe light“ kann sicher keine Lösung sein, um den Wert der Ehe neu zu entdecken, um die Ehe im 21. Jahrhundert aufzuwerten. „Ehe light“ bringt Unverbindlichkeit und unterstützt die Angst der Menschen, sich zu binden.

Die Tage danach

Eine neue Katastrophe im Mittelmeer: Etwa 900 Menschen sind tot.

Der Begriff „Katastrophe“, der in der griechischen Tragödie den Wendepunkt der Handlung bezeichnet hat, scheint unpassend: Hier wendet sich keine Situation – weder ins Positive noch ins Negative. Das Problem bleibt bestehen. Tausende Flüchtlinge sterben seit Monaten im Mittelmeer.

„Die Welt“ schreibt: „Denn diese Toten sind unsere Toten.“ Sind sie das? Wird in diesen menschenunwürdigen Schicksalen die große Lücke offenbar, die sich zwischen hochindustrialisierten Staaten und Entwicklungsländern auftut?

Die Reaktionen auf das neuerliche Unglück sind menschlich: Maßnahmenpakete. Schuldzuweisungen. Kritik. Italiens Außenminister Paolo Gentiloni sieht keinen italienischen Notfall: „Wir müssen anerkennen, dass wir einen europäischen Notstand haben.“ Andere Politiker warnen vor „Schnellschüssen“.

Eines muss allen Beteiligten klar sein: So kann es definitiv nicht weitergehen. Es braucht Taten.

In der Wiener Innenstadt versammelten sich gestern Österreicherinnen und Österreicher, Vertreter aus Politik, Kirche und Gesellschaft, um der Opfer des Unglücks zu gedenken. Solche Zeichen sind wichtig. Sie schaffen Bewusstsein.

Auf der Facebook-Seite der Veranstaltung lassen sich trotzdem kritische Stimmen finden: „Diese Veranstaltung ist nichts als Heuchelei.“ Kritisiert wird, dass Menschen sich an der Seite jener Politiker einfinden, die ihren Teil zu dem Unglück beigesteuert hätten.

Auch wenn es in naher Zukunft konkrete Schritte für eine Lösung der Flüchtlingsproblematik in Europa braucht, müssen solche Veranstaltungen einen Platz haben.

Zeit für Trauer. Zeit für Anteilnahme. Zeit zum Nachdenken.

Auch für Politiker. Auch für die, die vielleicht zu lange weggeschaut haben.

Graz: Neuer Bischof steht fest

Wenn ich wirklich gemeinsam mit anderen unterwegs sein will, dann gilt es sich den Lebens-Fragen der anderen auszusetzen. Und das hält jung.

Die Kirche Österreichs hat einen neuen Bischof, der sich nach eigener Aussage jung hält: Wilhelm Krautwaschl ist designierter Bischof der Diözese Graz-Seckau. Der gebürtige Steirer wirkte seit seiner Priesterweihe im Jahr 1989 in verschiedenen Pfarren der Steiermark als Seelsorger. Auf seiner Homepage schreibt er über sein Amtsverständnis: „Meine erste Aufgabe ist es als Priester, mit Menschen unterwegs zu sein.“ Die Freude über den neuen Bischof ist groß, Kirchen-Insider sind mit der Wahl zufrieden. Die Erwartungen an einen kirchlichen Würdenträger in Zeiten des Umbruchs sind groß: Österreich braucht Hirten, die authentisch ihren Glauben vorleben, den Kontakt zu den Menschen nicht verlieren und die Kirche durch ein anspruchsvolles 21. Jahrhundert führen. Über das apostolische Schreiben „Evangelii gaudium“ schreibt Krautwaschl auf seiner Homepage, dass Papst Franziskus darin „das Übliche neu benannt“ hat. Gelingt auch dem Gleisdorfer Wilhelm Krautwaschl, in der Kirche Österreichs Übliches neu zu benennen?

Nachgedacht – Juden und Christen

Judenfeindlichkeit ist ein Thema. Auch heute im 21. Jahrhundert.

Erschreckenderweise hat der Mensch aus der Geschichte nicht gelernt. Millionen Juden sind im Nationalsozialismus grausam ermordet worden. Das soll bewusst gemacht werden: Filme versuchen die Tragik dieser Geschehnisse bis heute zu versinnbildlichen. Bücher arbeiten Ursprung, Entwicklung und Höhepunkt des Judenhasses auf. Opfer kommen zu Wort, bekommen ein Gesicht.

„Die katholische Kirche schwieg.“
„Papst Pius XII. ordnete sich Hitler unter.“
„Die Juden sind schuld am Kreuzestod Jesu.“
So äußerten sich wohl viele zur Rolle der katholischen Kirche im Nationalsozialismus.

Welche Fehler auch immer in der Mitte des 20. Jahrhunderts begangen wurden, mit dem 28. Oktober 1965 wurde alles anders: Papst Paul VI. verkündete rechtskräftig das Dokument „Nostra Aetate“ („In unserer Zeit“) über die Beziehung der katholischen Kirche zu den anderen Religionen.

Die Kirche „beklagt“ in der prägnant formulierten Erklärung die Verfolgungen der Juden, sieht sie wörtlich nicht „als von Gott verworfen oder verflucht“, will „die gegenseitige Kenntnis und Achtung fördern“.

Starke Worte – die Päpste Johannes Paul II., Benedikt XVI. und aktuell Franziskus standen bzw. stehen vor der Herausforderung, diese Gedanken weiterzudenken. Auszusprechen, was viel zu wenig ausgesprochen wurde.

Ein Jude ist nicht nur Jude, er ist vor allem Mensch.