Rom – Bangui: Nur eine Gänsehaut entfernt

Papst Franziskus hat seinen Willen durchgesetzt: Er besucht trotz der prekären Sicherheitslage die Zentralafrikanische Republik. Ein persönlicher Eindruck weit entfernt vom Papst – aus dem Vatikan.

Es war schon beeindruckend heute durch den Vatikanstaat zu schlendern – vorbei an der Post, der Druckerei, der Bank, der Garage des Papstes in den Apostolischen Palast. An wichtigen Stellen stehen Schweizergardisten, grüßen freundlich und salutieren.

Vorbei am berühmten Tor zur Sixtinischen Kapelle, durch das die Kardinäle beim Beginn des Konklave gehen und das dann hinter ihnen geschlossen wird. Und plötzlich gehe ich über die Stiegen, über die vor mir viele andere gegangen sind: Jorge Mario Bergoglio, Joseph Ratzinger, Karl Wojtyla, Albino Luciani … es ist der Weg, den die frischgewählten Päpste gehen, um einen ersten Gruß an die Römer zu richten. Zur Loggia des Petersdoms.

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Durch diese Glastür treten die neu gewählten Bischöfe von Rom auf den Balkon hoch über dem Petersplatz.

Schauplatzwechsel. Zentralafrika. Bangui. 500.000 Menschen aus der Zentralafrikanischen Republik sind auf der Flucht, haben ihr Hab und Gut zurückgelassen, kämpfen um ihr Leben. Sie sind verzweifelt und sehen keine Perspektive. Eine Welt, mit der ich als Österreicher kürzlich auch konfrontiert wurde. Nicht in Afrika, sondern mitten am Wiener Hauptbahnhof. In diese Welt des Schreckens taucht der Papst ein und lässt sich trotz großer Sicherheitsbedenken nicht davon abbringen, das Land im Herzen Afrikas zu besuchen.

Die Zentralafrikanische Republik ist seit Jahrzehnten politisch instabil. 2013 kam das muslimisch dominierte Rebellenbündnis Séléka an die Macht. Zentralafrika stürzte ins Chaos. Mehr als tausend Menschen starben bei Kämpfen zwischen Muslim-Rebellen und Christen-Milizen.

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Menschen fliehen vor Krieg und Tod. In Zentralafrika herrscht eine humanitäre Notlage.

Franziskus lässt es sich auch nicht nehmen, Menschen in einem Flüchtlingslager zu begegnen. Die Stimmung schlägt um. Keine Spur mehr von Verzweiflung, Trauer oder Überlebenskampf. Der Papst bringt Hoffnung.

Vatikan. Da stehe ich jetzt vor dem Balkon, auf dem vor 991 Tagen Papst Franziskus der Welt einen guten Abend wünschte und die Menschen aufforderte, für ihn zu beten. Ich stehe in der sogenannten Aula delle Benedizioni, wo vor allem Papst Benedikt XVI. immer wieder Gäste zu Audienzen empfangen hat.

Im nächsten Raum finde ich dann die Übertragungskabinen von Radio Vatikan. Ich darf mit Mario Galgano, einem erfahrenen und langjährigen Redakteur, den Besuch des Papstes in einem Flüchtlingslager live kommentieren. Aufregend. Wir treffen die letzten technischen Vorbereitungen, sprechen den Ablauf der Sendung durch. Dann die Meldung: Die Ankunft des Papstes wird sich verzögern, wir beginnen aber trotzdem die Übertragung. Jetzt geht es darum, die Zuschauerinnen und Zuschauer über die Hintergründe der Papstreise, das Land und die katholische Kirche in Zentralafrika zu informieren.

Und dann brandet plötzlich Jubel auf. Es ist soweit. Papst Franziskus ist da. Die tausenden Menschen im Flüchtlingslager der Pfarre Saint Sauveur in Bangui jubeln ihm zu. Wir kommentieren die Begegnungen des Papstes mit Frauen, Männern und Kindern. Doch eigentlich braucht es keine Worte. Franziskus ist angreifbar. Er weiß, worauf es in so einer Situation ankommt. Nach der offiziellen Begrüßung nimmt der Papst das Mikrophon in die Hand und beginnt auf Italienisch zu den Menschen zu sprechen: „Ich wünsche euch und allen Zentralafrikanern den Frieden, welcher Ethnie, Kultur, Religion ihr auch angehört!“ Immer wieder brandet Jubel auf. Dann passiert etwas Unglaubliches. Papst Franziskus ruft in die Menge: „Wir sind alle Geschwister.“ Er fordert die Menschen auf, diese Worte dreimal gemeinsam zu sagen. Tausende stimmen ein und skandieren: „Wir sind alle Geschwister.“

In diesem Moment läuft mir eine Gänsehaut über den Rücken. Ich sehe die Geschehnisse nur auf einem kleinen Bildschirm – dieser Papst schafft es, auch über mehrere tausend Kilometer Distanz zu beeindrucken. Der Tag wird den Menschen in Bangui wohl ihr Leben lang in Erinnerung bleiben. Mir auch.

Hier die Live-Übertragung aus dem Flüchtlingslager zum Nachschauen!

 

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